Heute mal ganz was anderes…
Spätestens jetzt bin ich mir sicher: Wer Blogs nach wie vor für irrelevant hält und meint, moderne Unternehmenskommunikation müsse sich nicht mit ihnen beschäftigen, verschließt die Augen vor der Realität. Micromedien und “user-generated-content” wie Blogs beeinflussen die öffentliche Kommunikation und haben das Potenzial ungehörte Stimmen wahrnehmbar zu machen.

Früher hatte der “kleine Mann” seine Meinung, z.B. diese:

Das Vorgehen des Siemens – Managements finde ich persönlich, wie schon bei anderen Gelegenheiten, ziemlich daneben. (…)  (via FINGER.ZEIG)

Eine Meinung wie diese behielt der “kleine Mann” üblicherweise für sich – doch nun gibt es moderne Kommunikationsmedien und die wollen genutzt werden. Ein nicht soooo “kleiner Mann” (der sich aus Bescheidenheit schon mal seine Rolex von Pressefotos bzw. unschöne Passagen aus Wikipedia verschwinden läßt) macht den Anfang:

[Siemens]-Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld hat seit März das Dialog-Visier aufgeklappt und einen eigenen Blog aufgesetzt, der wöchentlich thematisch aktualisiert wird. Über 15.000 neugierige Visits im April verzeichnet der CEO-Blog, denn das war schon ungewöhnlich, dass der Kapitän persönlich auf die Blog-Bühne geht. (via Medienbote)

Soweit so gut, Kleinfeld gilt als innovativ… das Kommunikationsexperiment von Siemens kann in die zweite Phase gehen:

Das Projekt “Blog 100″ hört sich recht vielversprechend an. In diesem Projekt haben die Mitarbeiter [von Siemens]  die Möglichkeit innerhalb von 100 Tagen ein eigenes Weblog zu betreiben. Innerhalb der ersten 20 Tage wurden bereits 180 aktive Blogs angelegt. Die Erfahrungen wie sich das Netzwerk entwickelt werden gesammelt und am Ende der 100 Tage in die Weiterentwicklung einfließen. (via Helmut´s Blog)

Da bin ich ja mal gespannt… denn die Erfahrungen sind reichlich…

“Die Blogs erfreuen sich wachsender Beliebtheit bei den Mitarbeitern”, berichtet Michael Rossa (Vice President Corporate Media bei Siemens). (…)
“Im Gegensatz zu den früher gängigen Chats und Foren, bei denen Mitarbeiter sich nur zu vorgegebenen Themen äußern konnten, kann sich beim Blog jeder sein Thema selbst wählen – und das kommt an”, sagt Helmut Lehner (Senior Manager Corporate Media bei Siemens). (via CIO Weblog)

Ganz genau… das kommt richtig gut an!  Und statt wie von CEO Kleinfeld vorgeschlagen, über “Kundenzufriedenheit” nachzudenken, wird vom “kleinen Mann” das Thema “Mitarbeiterzufriedenheit” in den Mittelpunkt gestellt:

“Sehr geehrter Herr Dr. Kleinfeld, (…) die Firma besteht seit 150 Jahren. Viele Firmenlenker waren am Werk. Sollte es jetzt einem gelingen, alles zu zerschlagen und dafür auch noch satte Belohnung zu bekommen?”
(via Stets Politically Correckt]

Wie man sieht: Mit der “Mitarbeiterzufriedenheit” ist es beim “kleinen Mann” zur Zeit nicht allzuweit her (Massenentlassungen und Gehaltskürzungen stehen an), aber immerhin merkt er, dass er nicht allein ist. Das wiederum merkt auch der Spiegel. (Der amerikanische Wissenschaftler Drezner spricht in diesem Zusammenhang von “knock-on-consequences” der Blog.) Das Nachrichtenmagazin berichtet, wie Siemens “kleine Männer” ihre Blogs nutzen:

Spiegel Online: Siemens-Mitarbeiter revoltieren im Intranet

Vor allem über eine interne Mail von Kleinfeld mokieren sie sich die Mitarbeiter in dem Forum: “Mein persönlicher Anspruch an meine Arbeit ist ‘work hard, win big, have fun'”, habe der Siemenschef da an seine Belegschaft geschrieben. “Sehr geehrter Herr Kleinfeld, Ihr Motto klingt in den Ohren Vieler bei SBS eher so: ‘Live hard, never rest, die young’.”

Und wenn der Spiegel drüber schreibt, dann dürfen natürlich auch die anderen nicht fehlen:

Von hier aus wiederrum ist es nicht weit in die Blogosphäre “da draußen” und so wird hier , hier , hier sehr zynisch hier ,hier,, hier,, hier,, hier,, hier , hier,, hier, hier,, hier, hier, , hier, hier, hier, hier, natürlich auch bei MySpace, und natürlich auch beim Ethikverband sein Senf dazugeben.

Aus Sicht der Unternehmenskommunikation läßt sich das wohl so zusammenfassen:

 Corporate blog nightmare!!!

Oder vielleicht doch nicht? Leidet denn wirklich das Image Siemens?

Für die Unternehmenskultur bei Siemens ist das wahrscheinlich das beste, was passieren kann.(via S.d.f.W.)

Dem stimme ich zu – immerhin weiß ich jetzt, dass bei Siemens keine Roboter sitzen, sondern “kleine Männer”, die sich auch mal verteidigen.  Auch der PR-Blogger gewinnt der Krise natürlich etwas positives ab (muss er ja quasi rein berufswegen). Seiner Meinung nach stelle die Offenheit eine “große Chance” dar:

Schließlich erhalten die Vorstände auf diese Weise viel mehr Informationen über die tatsächliche Motivationslage ihrer Mitarbeiter, als wenn durch mehrere Kommunikationsabteilungen gefiltert langsam nach oben durchdringt, was schon längst großes Gesprächsthema im Unternehmen ist.
(…)
Die Business Transparenz ermöglicht es intern wie extern unmittelbar auf negative Entwicklungen zu reagieren. Deshalb glaube ich, dass auch Siemens trotz der heftigen internen Kritik mittelfristig von ihrem CEO Blog genauso wie von den Corporate Blogs profitieren wird. (via PR Blogger)

Dennoch bleibt eine Frage im Raum stehen:

Fragen über Fragen… und bis jetzt keine offizielle Reaktion:

Der Papst hat schneller reagiert. Mal sehen, was Herrn Kleinfeld einfällt…(via peregrinatio)

Aber neben diesem folgendreichen Kommunikationsexperiment gibt es ja auch noch andere nicht ganz unwichtige Probleme bei Siemens – so zum Beispiel, die drohende Gefahr feindlicher Übernahmen. Nicht zu vergessen, unzufriedene Kunden mit Kopfschmerzen
und seltsamen Handys.

Na ja, mal sehen… Die Berater von Bernetblog haben jedenfalls einen supi Tip für Herrn K.:

Seien Sie nicht düpiert, wenn man Sie kritisiert. Gehen Sie davon aus, dass sich unzufriedene Leser eher mit Kommentaren melden als zufriedene. Erwarten Sie keine lobenden Echos – nehmen Sie sie dankbar an, wenn Sie trotzdem auftauchen.